Gedanken zu meiner gestalterischen Arbeit

Als kreativer Mensch möchte ich etwas erschaffen, das es vorher noch nicht gegeben hat. Ich will die Grenzen der menschlichen Denk- und Auffassungsmöglichkeiten sprengen.

Früher habe ich gedacht, der künstlerische Wert eines Bildes sei in erster Linie das natur- oder emotionsgetreue Umsetzen von Gefühlen und realen Vorlagen. Heute ist für mich das Umsetzen einer Mitteilung oder das «unbewusst Geschöpfte» des Bildes die grössere Leistung. Mich interessiert weder Schönfärberei noch Provokation, sondern eine tiefer greifende Begegnung. Ich möchte das Wunderbare der diesseitigen Welt aufzeigen und die erhaschten Blicke in die jenseitige Welt versuchen festzuhalten. Mit dem bildnerischen Gestalten habe ich ein Instrument, Visionen nachzugehen. Wenn ich die Motive nicht zu eng plane, das Bild aus sich heraus entstehen darf, kann eine Wirkung gelingen, die oft erst auf den zweiten Blick spürbar wird. Die wertvollsten Resultate entstehen, wenn ich mich in der Auseinandersetzung vergessen kann und meine Hand den Bleistift, den Pinsel oder das Messer selber führt.

Die ansprechende Gestaltung und die technisch möglichst brillante Ausführung sind unverzichtbar. Das Wichtigste für mich ist jedoch der Aussagewert einer Darstellung. Die handwerkliche Umsetzung ist Mittel zum Zweck, der Inhalt ist wichtiger als das Abbild. Ich wünsche mir auch von der Betrachterin und dem Betrachter eine Auseinandersetzung, welche über das reine «Ansehen» hinausgeht. Die Reduktion auf das reine Schwarz und Weiss ist eine Einschränkung, die mich im positiven Sinn herausfordert und mir die aussagekräftigsten Bilder ermöglicht. Die Faszination, Licht und Schatten ins schwarze Papier zu schneiden, hat mir in meiner langjährigen Gestaltungstätigkeit ein breites Repertoire für die Umsetzung beschert. Ich muss mich immer zwingen, genug schwarze Flächen stehen zu lassen. Hier, wie im Leben gilt, wenn ich das Dunkel nicht stehen lassen kann, verliert die Helligkeit ihre Kraft.

Das bewusste Vorgehen ist klar, vorne gross und hinten klein, vorne grob und hinten fein, immer die Perspektive berücksichtigen. Die Regeln muss ich beherrschen, um sie zu überspringen. Wenn ich Glück habe, bringt der Zufall das Eigentliche: Im Eintauchen darf ich loslassen und mit grossem Vergnügen beobachten, wie die Hand die Blumen vorne so übertrieben gross schneidet, wie die fein geschnittenen Muster daneben einfach entstehen. Hinten bleiben jetzt doch grosse Flächen und vorne ist plötzlich nichts mehr. Dann die Überraschung: Ich öffne das Papier und sehe aus Distanz ein wunderbares Resultat, wo das Zusammenspiel von hinten und vorne so gut wirkt, wie ich es nicht hätte planen können.

So haben Hell und Dunkel für mich, wie alles in meinen Bildern symbolische Bedeutungen. Ebenso wie es im Detail wichtig ist, ob eine Blüte vier oder fünf, eckige oder runde Blätter hat, setze ich die hellen und die dunklen Partien ganz bewusst ein. Die Tiefenwirkung ist mir sowohl im Leben als auch in den Bildern grundlegend wichtig. Ob das Bild von vorne oder von hinten gelesen werden soll, lasse ich offen, ebenso, ob das Gitter abgrenzt oder beschützt und auch, ob das Wichtige im Vorder- oder im Hintergrund passiert. Beim Schneiden bin ich auf der Suche nach dem Licht, sei es im direkten oder im übertragenen Sinn. Bereits beim Skizzieren wähle ich die Schwarz-weiss-Verteilung mit dem Ziel, ein Strahlen zu erreichen. Wenn es mir gelingt, das Leuchten einer Lampe, das Blenden der gleissenden Sonne oder einen Gitterschatten auf der hellen Wiese ins reine Schwarz zu schneiden, vermag dies direkt meine Gemütsstimmung aufzuhellen. Noch mehr interessiert mich das mystische Licht, ein Licht, das mit dem Auge nicht sichtbar ist, das eher erahnt, als konkret erkannt werden kann, das mir Zufriedenheit schenkt, wenn es aufscheint.

Meine Motivation liegt letztlich im Aufzeigen des grossen Potentials, das unserem inneren Wissen zur Verfügung steht.