Kulturbeilage, Berner Bund 16. August 1991

Jerisberghof

… Die Ausstellung von neueren Werken von drei bedeutenden Papierschneidern im Jerisberghof ist für den Liebhaber der Papierschnittkunst eine willkommene Gelegenheit. Die Künstler sind: Ursula Schenk, Winterthur; Ernst Oppliger, Meikirch; und Bruno Weber, Glashütten.

Bruno Weber, ein «Scherenschneider», der mit dem Papiermesser arbeitet und damit Licht und Schatten gekonnt darstellt.

Bruno Weber
Anders als die beiden Scherenschneider, arbeitet Bruno Weber nicht mit der Schere, sondern mit dem Papiermesser. Aus schwarzem, reissfestem Papier schneidet er Papierschnitte eigener Prägung.
    Dem Zeichnen und Malen hat er sich seit jungen Jahren verschrieben. Er pflegt und perfektioniert es; es dürfte eine der Grundlagen sein für seine Ausbildung zum Werklehrer. Die Liebe zur Sache und die Begeisterungsfähigkeit kommen ihm in der Ausbildung von Lehrern an der Höheren Pädagogischen Lehranstalt des Kantons Aargau zugute. Die Studenten spüren sein echtes Engagement. In seinen Papierschnitten ist die zeichnerische Vorarbeit wesentlich, da unterscheidet er sich nicht von Oppliger. Aquarellieren und Papierschneiden mögen auf den ersten Blick gegensätzliche Bildsprachen sein; sie sind es bei Weber nicht. Im Aquarell, das eine rasche Hand voraussetzt, will er die Schönheit unserer Landschaft einfangen. Er scheut sich nicht, von der heilen Welt, seiner Heimat, zu sprechen. Er gibt ihr die Bedeutung von Siegfried Lenz: Heimatsinn und Weltoffenheit.
     Die Themen in Webers Kunst sind vielfältig. Licht / Schatten faszinierten ihn nicht nur im naturalistischen Sinn; beidem wohnt Symbolkraft inne, die seinen Lebensweg und seine Lebensauffassung spiegelt. Der Weg - in seinen Aquarellen des öfteren dargestellt - ist Leitschnur und Ausdruck des Suchens, der Bewegung, der Wandlung.
     In den Papierschnitten greift er die Aquarellmotive (neben andern) auf und versucht, mit den begrenzten Mitteln des Papierschneiders den tieferen Sinn spürbar zu machen. Er abstrahiert, setzt die strengen, flächigen Strukturen - er steht darin dem Holzschneider Félix Vallotton nahe - wohlüberlegt und sicher.
     Die frappante Tiefenwirkung überrascht den Betrachter: Er wird durch die Hell-Dunkel-Strukturen zu einem Bilderlebnis geführt, das beim Vertiefen den Symbolcharakter offenbart. Ein Beispiel möge etwas vom Reiz und der Aussagekraft seiner Papierschnitte vermitteln (ebenfalls im Jerisberghof ausgestellt).
     Der Papierschnitt «Lampions» weist die erwähnten strengen Strukturen auf. Die Tiefenwirkung durch hell-dunkle, senkrechte Linien und Streifen ist ungewöhnlich. Allein die behutsam geschnittenen Lichtquellen der Lampions in zwei Reihen führt zu einem Wechselspiel von Kontrasten, um so mehr als Weber die Figuren nur andeutet und nicht im Detail schneidet und auf die Reflexe auf dem schwarzen Boden verzichtet. Er konzentriert sich auf das Wesentliche und verstärkt so die Wirkung.
     Seine Fähigkeit, seine innere Schau von Stimmungen umzusetzen, lässt für die Zukunft tiefgründige Papierschnitte von Bruno Weber erwarten.