AUSSTELLUNG BRUNO WEBER

«AUSGESCHNITTENES»

Zofingerstrasse 10, 4803 Vordemwald

VERNISSAGEANSPRACHE VON MONICA MORGENTHALER

6. September 2008

Was ist das Gegenteil von «ausgeschnitten, ausschneiden»?

vom-geist-belebtes-wasser.jpgLieber Bruno, werte Besucherinnen und Besucher, liebe Kolleginnen und Kollegen

Die diesjährige Kunstausstellung von Bruno Weber trägt den Namen "ausgeschnitten". Auf der Fahrt zum meinem ersten Besuch ins Atelier bin ich gedanklich an diesem Wort hängen geblieben. Der Zusammenhang von Ausschneiden und Papierschneiden, Papierschnitt ist ja ziemlich offensichtlich. Ein bisschen ins Grübeln gekommen bin ich als ich das Gegenteil von "ausgeschnitten" gesucht habe. Das ist doch sonnenklar, werden sie sagen. Stehen lassen ist das Gegenteil von Ausschneiden.

Polarität - Wesen des Papierschnitts

«Ausschneiden und stehen lassen» sind Gegensätze. Diese Polaritäten schliessen sich nicht aus, sondern bedingen einander und machen so erst das Wesen des Papierschnitts aus.Einmal ist das Stehengebliebene das Sujet, einmal das Weggeschnittene.

Es wäre aber allzu einfach, den Papierschnitt auf diese Merkmale zu reduzieren. Bruno Weber ist ein wahrer Meister in der Vereinigung von Gegensätzen. Schwarz und weiss, Licht und Schatten ergeben die optischen Kontraste. Inhaltlich sind es Themen wie männlich und weiblich, miteinander und allein, werden und vergehen, stehen bleiben und vorwärts gehen. Erst das Zusammenspiel dieser Gegensätze macht die Aussage des jeweiligen Papierschnitts aus.

Am deutlichsten kommt dies für mich im Werk "Vom Geist belebtes Wasser" zum Ausdruck. Das Bild zeigt den Kreislauf des Lebens. Im Vordergrund finden sie die Symbole für das weibliche und das männliche Prinzip, aber auch die Vergänglichkeit und Endlichkeit des Daseins wird im Versinken des morschen Asts sichtbar. In der Mitte des Bildes entdecken Sie Themen wie allein sein und miteinander, stehen bleiben und vorwärts gehen. Im Zentrum steht die Lichtquelle. Es kann der Mond sein, welcher das Mütterliche, das Weibliche die Gefühlswelt darstellt. Es kann aber auch die Sonne sein, welche das Väterliche, das Männliche, die Kraft symbolisiert. Jedenfalls steht der Kreis als Symbol für das Ganzheitliche.

Es sind viele Einzelbilder, die sich zum einem Bild zusammenfügen, herrlich wirken und zum Nachdenken anregen. Die Papierschnitte von Bruno Weber berühren, weil sie eine Aussage haben und eine Wirkung hinterlassen.

Manchmal ist mein Blick fasziniert von einer gestalterischen Überraschung und erst bei längerer und genauerer Betrachtung entdecke ich das Bild, das dahinter ist.

Es lohnt sich das Bild "Das Schnurren der Katze" genau zu betrachten. Es braucht ein bisschen Aufmerksamkeit, um die Katze im Bild zu entdecken. Und wieder ist es das Zusammenspiel zwischen Ausschneiden und Stehen lassen, das das Bild erzeugt, eine Wirkung hinterlässt, berührt.

Lebenswege

Die Freude am Gestalten, am künstlerischen Schaffen hat Bruno Weber schon sehr früh entdeckt. Seit seiner Primarschulzeit schneidet, malt und gestaltet er. Er ist ein vielseitig interessierter und stets fragender Mensch. Er ist unterwegs und offen für Neues. Deshalb wandelt er auch beruflich auf verschiedenen Wegen.

Als Pädagoge und Dozent an der Fachhochschule ist ihm die Beschäftigung mit jungen Menschen in der Ausbildung und die Vermittlung des Faches Werken ein Anliegen.

Als Inspektor der Volksschule liegt ihm das Wohl der Schülerinnen und Schüler sowie der an der Schule beteiligten Menschen am Herzen. Hier unterstützt und beratet er.

Als Künstler sind im Ästhetik und optische Wirkung wichtig. Noch essentieller sind ihm aber die Bildinhalte. Bruno Weber liebt Symbole, verschlüsselte Zeichen und Botschaften. Er will uns als Betrachterinnen und Betrachter in seine Gedankenwelt miteinbeziehen. Seine Bilder haben manchmal mehrere Aussagen, die nachdenklich machen und berühren.

Auf all diesen beruflichen Pfaden haben sich unsere Wege gekreuzt. Vor mehr als 20 Jahren war ich während meiner Ausbildung zur Primarlehrerin selbst Werkschülerin von Bruno Weber. Dann haben wir uns aus den Augen verloren. Wir sind uns erst vor 5 Jahren wieder im Inspektorat begegnet.

Es ist mir heute eine grosse Freude und Ehre, die Vernissagerede zu halten von einem der arriviertesten Papierschneider der Schweiz.

Papierschnitt als Leitmotiv und Ausgangspunkt für Entwicklung

Nun aber wieder zurück zur Ausstellung, zu den Werken von Bruno Weber. Der Papier-schnitt hat Bruno Weber berührt und er ist ein Leitmotiv, ein Lebensthema in seinem künstlerischen Schaffen. Es fasziniert mich, dass Bruno Weber dieser Technik treu geblieben ist. Er ist aber niemals stehen geblieben, sondern bewegt sich innerhalb dieses Themas. Man entdeckt Variationen, Entwicklungen.

Es überrascht nicht, dass Bruno Weber für viele Tendenzen im Bereich Scherenschnitt/

Papierschnitt mitverantwortlich ist. Sein Schaffen bewirkt eine enorme Resonanz und seine Werke sind in vielen bedeutenden Ausstellungen im In- und Ausland ausgestellt worden. So ist er Einladungen nach Japan, Hongkong, Macao und Nordamerika gefolgt.

Bruno Weber lässt sich von seiner Umgebung inspirieren. Darum finden wir auf seinen Bildern Bäume, Blumen, Schafe, Hunde, Katzen, Vögel auf dem Wasser in der Luft

Er bleibt nicht nur bei der traditionelle Technik des Papierschnitts, sondern sucht weitere bildnerische Ausdrucksmöglichkeiten. Er macht Metallschnitte, malt farbige Aquarelle, die er mit dem Messer zu Papierschnitten verwandelt.

Einmal geht es um grafische Experimente und die absolute Symmetrie steht im Vordergrund wie bei den Bildern von den afrikanischen Tieren.

Ein andermal ist das Spiel zwischen Licht und Schatten wie bei den Kerbeln, die hier an der Wand hängen und den sinnigen Titel tragen "Im Blühen entsteht Hoffnung".

Und dann gibt es auch die tiefsinnigen Bilder wie die „Weltenseele“ oder „Die Krone des Friedens“. Es ist ein spannendes Bild. Im Vordergrund weidet friedlich eine Schafherde. Über ihnen wird die Krone des Friedens von zwei Leoparden zusammengehalten. Es ist nicht auszudenken, was passiert, wenn die Leoparden ihren Platz verlassen.

In allen Werken geht es Bruno Weber immer um Ästhetik, Harmonie und die Hinwendung

zu geistigen Werten. Es geht ihm um die zentralen Fragestellungen des Lebens: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?

Bruno Weber bleibt sich und seinem Papierschnitt treu. Es ist sein Leitmotiv. Er beherrscht diese Technikbis zur Perfektion. Es fasziniert mich, wie er diese Technikimmer wieder verändert, weiterentwickelt und dennoch sich selber treu bleibt.

Liebe Gäste, nehmen sie sich Zeit, lassen sie sich inspirieren und berühren.