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Zofinger Tagblatt, 20. Mai 2003
Über die Aufsicht zur Durchsicht und Einsicht
Vordemwald Bruno Weber stellt in seinem Atelier neue Papierschnitte, Aquarelle
und Objekte aus
Kurt Buchmüller
Die Vernissage am Samstagnachmittag zeigte einmal mehr die Ausstrahlung der Kunst des
Papierschneiders, Malers und neuerdings auch Plastikers Bruno Weber. Seine Stärke sind
zweifellos die Papierschnitte. Manche mögen darin den Reiz der Kontraste, die Fülle der
Ornamente und die Harmonie einer überschaubaren Welt in Motiven erkennen, die Archetypen einer
unbewussten Sehnsucht sind. Seine Bildsprache vereinfacht die Sicht auf das Wesentliche, ihm
gelingt die Balance zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit: Die Bilder behandeln zwar
äusserlich den Bezug zur Wirklichkeit; Blumen, Bäume, Menschen, Landschaften sind als
solche wahrnehmbar. Aber bereits die Proportionen stimmen nicht mehr: Blumen sind zu gross,
Bäume und Häuser zu klein, Landschaften, Blattwerk und Wiesen zu Strukturen verwandelt.
Spätestens jetzt wird erkennbar, dass es Bruno Weber nicht um Abbilder geht. Er geht tiefer;
aus Bilder werden Sinnbilder. Sie sind Urtypen einer Suche nach dem Hintergrund des äusseren
Erscheinungsbildes, sie deuten an, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Wandel zwischen zwei Ebenen
Den Vorhang zwischen dem Vorder- und dem Hintergründigen in Bruno Webers Kunst öffnete
der Pfarrer Rudolf Schmid. Künstler und Redner sind Seelenverwandte.
Bruno Weber ist auf einem Bauerhof aufgewachsen (der auch das Umfeld für seine Motive
liefert) und Rudolf Schmids Vorfahren stammen von einem Bauernheimetli im Obertal zwischen Suhr und
Oberentfelden. Heute sei der Platz, wo einst das Haus stand, eine Wiese. Er sitze gerne dort und
denke: „Das sind deine Wurzeln, der Boden, wo du herkommst, diese Bäume haben auch deine
Vorfahren schon gesehen.“ Er vertieft sich gerne in Landschaften, wobei nicht das
Vordergründige, das er sehe, wesentlich sei, sondern das, was daraus hindurchleuchte. Das
Vordergründige verändert sich, es werde immer durchsichtiger, die hintergründige
Ebene trete hervor, das Wesentliche. Was das ist, sei nicht leicht zu erklären. Es sei der
Ursprung von allem, die Antwort auf grundlegende Fragen: „Wer sind wir? Wo kommen wir her und
wohin gehen wir?“
Aus dieser Sicht werde die erste, sicht- und erlebbare Welt, ein verzerrtes, trübes
Spiegelbild. Erst auf den zweiten Blick sei dahinter das Wahre, Endgültige, Ewige erkennbar.
Wenn er sich den Bilder Bruno Webers betrachtend hingebe, erlebe er das Gleiche, fuhr Pfarrer
Schmid fort. Sie winkten ihn näher, nähmen ihn auf, entführten ihn aus der
Wirklichkeit in eine andere Dimension, erfüllten ihn mit Wärme. Er habe des Gefühl
von Glück und Geborgenheit, er tauche in die zweite, eigentliche Ebene ein, ins Ewige.
Eintauchen in die zweite Welt
Er sei höher gestiegen, erklärte Bruno Weber bei seiner Begrüssung seiner vielen
Gäste, nämlich um ein Stockwerk. Trotzdem vermochte das Atelier an der Zofingerstrasse 10
die Vernissagebesucher kaum zu fassen. Bernhard Marti (Gitarre), Rolf Marti (Bass) und Martin
Zimmerli (Klarinette) spielten stimmungsvolle Kletzmermusik. Es gelang ihnen, darin jene
unbestimmte suchende Sehnsucht musikalisch auszudrücken, die visuell auch Bruno Webers Werke
so ansprechend machen.
Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden die Papierschnitte. Das Spiel mit Licht und Schatten,
Hell und Dunkel hat Bruno Weber zur Meisterschaft entwickelt. In den Papierschnitten hat er seinen
persönlichen Stil gefunden, der starke Eindrücke vermittelt und eine unverkennbare
Handschrift trägt. Inzwischen hat er auch die dritte Dimension erschlossen: Eine Kombination
von Aquarell und Papierschnitten, in denen das Schattenspiel ständig wechselt. Das Wandeln
zwischen Licht und Schatten hat auch Einzug in die „Weber- Engel“ gefunden, Plastiken
aus Ton oder Metall. Es sind Kerzenhalter, die ihre Konturen als Schatten in den Hintergrund
zeichnen. Hier hat der Künstler eine weitere Möglichkeit zu der ihn kennzeichnenden
Symbolisierung gefunden: Engel und Licht als Richtungsweiser im Dunkeln. Die an der Ausstellung
ebenfalls vertretenen Aquarelle zeigen Bruno Weber als Maler, der auch weiche Übergänge
beherrscht und Stimmungsbilder in Motiven aus der Umgebung festhalten kann.
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