Impuls-Referat von Bruno Weber, am Podiumsgespräch, anlässlich der
Ausstellung "Schnittzauber, Papierschnittkunst aus China und Europa"
im Museum Burg, Zug
Weiß wie Schnee sind die ausgeschnittenen Flächen, schwarz wie Ebenholz das Papier und der rote Faden wird uns durch meine Aussagen begleiten.
Ich begrüße Sie ganz herzlich.
Mit großer Bewunderung für all die vielen Bezüge, wie sie in der Burg wunderbar aufgezeigt sind, ist es heute mein Auftrag, mich auf die Entwicklung des "Scherenschnitts" in der Schweiz zu konzentrieren.
Ich möchte versuchen Ihnen aufzuzeigen, dass das Klischee des Kinderbastelns, der Hobby-Beschäftigung, den aktuellen Werken der Scherenschnittkunst nicht mehr gerecht wird.
Ein wertvoller Schnitt hat eine Aussage, eine Wirkung. Er fasziniert unseren Blick mit einer gestalterischen Überraschung, weist uns auf etwas hin oder führt uns mit einem "Bild dahinter" auf eine andere Ebene.
Besonders die symbolische Sprache gehört für mich zum Papierschnitt. Sie ermöglicht uns manchmal erst den Zugang zum Inhalt.
Deshalb soll auch mich in meiner Rede ein Symbol begleiten. Schneewittchen wird mir zur Seite stehen und mir helfen die Entwicklung der Papierschnittkunst in der Schweiz auf einer zweiten Ebene zu verdeutlichen.
Hinter den sieben Bergen, zum Beispiel im Pays d'Enhaut und im Saanenland, unbeachtet und verdrängt vom Kunstgeschehen entstanden die schönsten Scherenschnitte. Unter anderen von Johann Jakob Hauswirth (1809 - 1871). Erwar nicht so schön wie Schneewittchen, er gestaltete aber wunderbare Scherenschnitte.
Wie Schneewittchen für die Zwerge, war er für die normalen Leute ein Riese. Auch er war vielerorts ein gern gesehener Gast, wenn er als Taglöhner um eine Bleibe, einen Unter-schlupf oder um etwas zu Essen bat.
Als Dank schnitt er in Gegenwart der staunenden Zuschauer die feinsten Papierbilder.
Die unzähligen Exemplare bilden auch heute noch eine unglaublich reiche Spur seines Lebensweges durch die Bauernstuben seiner ehemaligen Heimat. Die so eigenartig gestalteten ländlichen Motive, immer mit Bezug zu Mensch und Landschaft wurden in Büchern und billigen Glasrahmen aufbewahrt, bis sie von Kennern entdeckt, den Weg in alle Welt fanden.
Wie Schneewittchen mit dem zu kleinen Besteck kaum essen konnte, erging es dem riesigen Mann mit der Schere. Er musste sie mit zwei zusätzlichen Drahtringen erweitern, um sie mit seinen großen Händen überhaupt festhalten zu können.
Dass Scherenschnitte begehrte Kunstwerke sein können, habe ich selber erfahren, als meine Mutter das Buch von Christian Rubi "Scherenschnitte aus hundert Jahren" nach Hau-se brachte. Hier habe ich Schnitte von Hauswirth, Saugi usw. gesehen und die Arbeiten von Christian Schwizgebel (1914-1993), der zu dieser Zeit noch lebte, habe ich besonders bewundert.
Damals waren mir die Begriffe: Kunsthandwerk und Kunst unwichtig, mir gefielen diese eigenartigen Meisterwerke mit der besonderen Ornamentik. Der Bildaufbau, die Liebe zum Detail überraschten mich. Die vielen Einzelbilder, welche sich auf ganz ungewohnte Weise zusammenfügen und plötzlich gesamthaft, herrlich zu wirken beginnen.
Eine ähnliche Erfahrung habe ich Jahre später wieder gemacht. In der Auseinandersetzung mit den Holzschnitten von Felix Valloton (1865 - 1925).
Felix Valloton gehörte zur Künstler-Gruppe der "Nabis" (Die Propheten der Moderne).
Es waren nicht Papierschneider, sondern Maler und Holzschneider. Eine umstrittene Gruppe von Künstlern, die sofort großen Erfolg hatten und eben nicht hinter den sieben Bergen, sondern in Paris lebten.
Lassen sie sich nun von den vielen Parallelen ihrer Werke überraschen, welche man zu den ländlichen Scherenschnitten finden kann .
Im Ausstellungs-Katalog ihrer großen Ausstellung im Kunsthaus Zürich 1993 steht:
?Die Nabis befreiten sich von dem tradierten Perspektivenraum und von den überlieferten Proportions- und Bewegungsgesetzen. Im Gegensatz zu dem fixierenden Standpunkt der Zentralperspektive komponierten sie häufig verschiedene Blickwinkel, wie Auf-, Frontal- und Untersicht, in ein und demselben Bild.?
Übertragen Sie diese Aussage auf die angesprochenen Scherenschnitte. Ich zitiere weiter:
?Eine wichtige Rolle spielte jedoch nicht nur die Vereinfachung der Formen, sondern auch die "expression par le décor": Das Dekorative, dem in der Bildauffassung als Ausdruckmittel erhöhte Bedeutung zukam, Kompositionsprinzipien, die auf ein übergeordnetes Ganzes, auf ein "Gesamtkunstwerk" hin konzipiert waren.?
Und diese einflussreichen Propheten der Modernen Kunst werden zeitlich von Hauswirt und Schwizgebeleingerahmt. Sie lebten in den 100 Jahren, welche zwischen diesen beiden Scherenschneidern liegen.
In Paris propagierten "die Veränderer" die gleichen Gestaltungsmittel, wie sie unabhängig davon, hinter den sieben Bergen bereits angewendet wurden.
(Anmerkung: Das ist eine persönliche Feststellung, die kunsthistorisch nicht erforscht und deshalb wissenschaftlich nicht belegt ist.)
Zurück zu den Scherenschnitten: Einmal habe ich per Zufall im Radio ein ausführliches Interview mit Herr Wyss gehört. Aeußerst interessant hat er über die Faszination des Papierschnitts berichtet.
Ich habe Niklaus Wyss aus Unterseen später persönlich kennengelernt. Es ist wohl der wichtigste Förderer, Kenner und Sammler der Scherenschnittkunst in der Zeit, als Schneewittchen noch ganz weit hinter den Bergen wohnte.
Sein Engagement für diese Kunstgattung ist außerordentlich. Er war bei den großen Eck-steinen auf dem Erfolgsweg des Scherenschnitts maßgebend beteiligt.
Z.B. - Als auf seine Initiative die ersten Bernischen - Scherenschnitt - Ausstellungen
entstanden. Die erste im Kursaal Interlaken 1973
Z.B. - Als 1985 im Gewerbemuseum Winterthur in der ersten Schweizerischen
Scherenschnittausstellung der Aufschwung der Scherenschnittkunst dokumentiert
wurde und die Besucherzahl alle Erwartungen übertraf.
Z.B. - Als 1986 der Verein ?Freunde des Scherenschnitts? gegründet wurde.
Bei der Durchführung der Ausstellungen, Bereitstellung, Organisation und Aufsicht war er jeweils mit der ganzen Familie engagiert.
Ein Vergleich zur Arbeit der Zwerge drängt sich auf!
Und immer wieder versuchte die Königin Schneewittchen zu vernichten.
Als Papierschneider fühlte ich mich mehrmals hinter den sieben Bergen.
Meine Papierschnitte waren im Heimatwerk besser akzeptiert, als bei der Kunstförderung im Kt. AG.
An der Kunstgewerbeschule bestritt ich den gestalterischen Teil der Diplomarbeit mit Papierschnitten. Der verantwortliche Lehrer für bildnerisches Gestalten bestand darauf, dass ich auch noch ein gemaltes Bild einfüge. Dem Experten wurde fast entschuldigend von meinen zeichnerischen und malerischen Fähigkeiten berichtet.
Gleichzeitig hingen, nur ein Katzensprung entfernt, drei große Schnitte im Schaufenster des Heimatwerks Zürich.
Aber wir wissen, Schneewittchen wird auch rechtzeitig vom Gürtel befreit und erhält wieder Luft.
Eine kleine Zahl von Liebhabern, ich will sie nicht als Zwerge bezeichnen, weil es oft einflussreiche und reiche Persönlichkeiten sind, haben dieser Schönheit immer die Treue gehalten. Die Papierschnitt - Ausstellungen waren und sind stets sehr gut besucht.
Besonders im Ausland wurde diese Schönheit erkannt.
Schweizer ? Schneiderinnen und Schneider sind regelmäßig ins nahe und weite Ausland eingeladen. Ich selber war oft mit dabei:
Z.B.- 1990 Oguni, Japan
Z.B.- 1994 Peking, China
Z.B.- 2007 Hongkong und Macao
Und 2008 ist eine Ausstellung durch ganz Amerika geplant.
Aber machen wir uns nichts vor.
Der Begriff Scherenschnitt ist auch heute noch mit Naivität und heiler Welt belegt und ruft bei vielen Leuten ein mitleidiges Lächeln hervor.
Nur von einer Minderheit wahrgenommen wird Schneewittchen reifer und verändert sich.
Der Scherenschnitt entwickelt sich und der Begriff Papierschnitt beinhaltet eine ständig wachsende Vielfalt. In der Herstellung, der Gestaltung, der Zielsetzung und wohl auch in der Qualität gibt es große Unterschiede. Die Kundschaft hat Vorlieben, nicht allen gefällt das Gleiche und das Gefallen allein darf nicht Zielsetzung der Gestalterin, des Gestalters sein.
Handwerkliches Können und die Liebe zum Material sind nicht mehr die Hauptqualitäten in der Arbeit, aber sie bilden immer noch einen wichtigen Anteil.
Tiefenwirkung, grafische Experimente, Licht ? Effekte usw. finden wir heute ebenso wie die typische Silhouette, das typische Ornament. Die Abgrenzung zu gemalten Bildern und zu Collagen ist nicht mehr klar gegeben.
1988 an der 2. Schweizerischen Ausstellung musste gemäß den Aufnahmebedingungen noch die Silhouette das vorherrschende Gestaltungsmittel sein. Heute sind die Kriterien viel liberaler. Dreidimensionale Schnitte, freiliegende Papiere, Karikaturen usw. sind Selbst-verständlichkeit geworden.
Auch im Umgang und in Bezug auf die Qualitätskriterien hat sich vieles verändert.
Betrachtete man den Scherenschnitt früher mit einem halben Meter Abstand, Experten sogar mit Hilfe einer Lupe, erfordern neuere Schnitte oft eine räumliche Distanz.
Die ländlichen Lebensszenen bis zu den Alpaufzügen sind immer noch gefragt. Nicht nur hinter den sieben Bergen. Für dieMotivwahl gibt es aber kaum mehr Grenzen.
Ein Charakterzug des Schneewittchens, eine gewisse Zurückhaltung, vielleicht auch Bescheidenheit, ist aus meiner Sicht den Schneiderinnen und Schneidern geblieben.
Provokation und reißerische Vermarktung findet man kaum.
Mit dem Werkzeug komme ich zum HauptunterschiedScherenschnitt - Papierschnitt:
Die Schere die dem Schnitt den Namen gab, ist nicht mehr das einzige Werkzeug.
Weil oft mit dem Messer geschnitten wird, stimmt der Begriff Papierschnitt besser.
Das Papier aber ist für diese Technik (Symmetrie, Durchsichtigkeit, Schattenwirkung usw.) unverzichtbar.
Spieglein, Spieglein an der Wand wer ist die Schönste im ganzen Land?
Was Kunst ist und was nicht, war immer eine interessante Frage.
Mir ist nicht wichtig, ob ich Kunst mache oder nicht.
Solange ich meine Gedanken ausdrücken kann, bin ich zufrieden und wenn meine Botschaft verstanden wird, bin ich glücklich.
Bezüge zur Kunst und zur Modernen Kunst habe ich immer stark gespürt. Wie bereits erwähnt im großen Aufbruch der Nabis.
Ich zitiere nochmals einen Vertreter: Maurice Denis (1870 - 1943)
"Sich ins Gedächtnis rufen: ein Bild ist - bevor es ein Pferd, eine Frau oder eine Anekdote darstellt - vor allem eine plane Fläche, die in einer bestimmten Form mit Farbe bedeckt ist."
"Linien, Formen und Farben sollten nicht mehr etwas Sichtbares beschreiben, sondern Ausdrucksträger für etwas "Unsichtbares sein."
Auch bei einem Schnitt kommt es doch nicht in erster Linie darauf an, wie die Kuh aussieht oder ob der Baum gerade steht. Wichtig ist die Gesamtstimmung des gestalteten Bildes, dass wir beim Alpaufzug die Kuhglocken, das Jauchzen der Sennen hören und die Wärme der Frühlingssonne spüren.
Es gibt viele weitere Bezüge :
Matisse , ein echter Papierschneider, hat ja diese Art der Gestaltung, am Ende seines Lebens, als die höchste Art des Ausdrucks bezeichnet. Hier könne er die Vorteile der zweidimensionalen Fläche verbinden mit der dreidimensionalen Form des Bildhauers.
Wenn es uns gelingt mit dem Papier so symbolisch zu arbeiten, wie Anselm Kiefer (1945) mit seinen Bleiplatten und Glasscheiben, wenn das Material ein prägendes Element des Ausdrucks wird. Vorbild für neue Ebenen, für einen möglichen Umgang mit dem Papier.
Gehen wir noch weiter, werden wir in unserem Schaffen so frei wie Bruno Jakob (1954) der schon lange in New York lebt.
Ein Papier unberührt, allein mit Gedanken behandelt oder nur mit Wasser bemalt, als unmaterieller Ausdruck in unserer materiellen Welt.
Die Entwicklung geht weiter!
Vorerst freuen wir uns, dass wir Schneiderinnen und Schneider des Vereins in dieser Ausstellung in der Burg ausstellen dürfen. Wir bedanken uns dafür.
Trotzdem stelle ich fest, wir liegen noch anonym im Glassarg?
Weder an der Vernissage wurden die ausstellenden Mitglieder namentlich erwähnt undauf der gesamten Homepage findet man nur den Hinweis, dass " auch einige Schweizer Kunstschaffende" mitmachen. Für Markt und Atelier sind sie sehr willkommen, vielleicht müssten wir hier zurückhaltender sein.
In Hongkong, Macao und an den vorher genannten Ausstellungen im Ausland, wurden Schweizerinnen und Schweizer mit allen Ehren empfangen. In den luxuriösen Katalogen sind alle persönlich vorgestellt.
Deshalb, in der Burg stellen aus: Ursula Astner, Ines Bardertscher, Christine Bauer, Klaus Berger, Elisabeth Bottesi, Monika Flütsch, Ueli Hauswirth, Ueli Hofer, Ernst Oppliger, Bruno Pfeiffer, Heinz Pfister, Susanne Schläpfer, Maria Schneider, Bruno Weber und Sonja Züblin.
Und das sind nicht die Einzigen, welche gut schneiden. Es ist eine Auswahl, die getroffen werden musste.
Also Schneewittchen liegt noch im Glassarg, aber es wird behände über den beschwerlichen und holprigen Weg getragen.
Die Zwerge, ich setze sie hier nun sehr anerkennend mit den Verantwortlichen des Vereins "Freunde des Scherenschnitts" gleich, werden sie weiter tragen.
Dieser Verein schürft für uns ganz wertvolle Kristalle.
Wir danken allen, die diesen Verein mittragen, ganz besonders der Präsidentin und Initiantin dieser Ausstellung: Felicitas Oehler.
Wir wissen, wie das Märchen ausgeht. Der Apfel wird ausgespuckt, es gibt eine gloriose Hochzeit.
Eine wunderschöne Königin (weiß, wie die ausgeschnittenen Flächen / schwarz, wie das stehen gelassene Papier) wird mit ihrer Faszination weiterwirken und von einem großen Volk verehrt werden.
Herzlichen Dank!
Museum in der Burg , 6300 Zug2.Dezember 2007
Bruno Weber