Vernissage-Ansprache von Frau Dr. Felicitas Oehler, anlässlich der Ausstellung in der Galerie Hüsy in Blankenburg, vom 20.1.–30.3.2008

20. Januar 2008

Wir befinden uns hier in einer Region, die in der ganzen Schweiz, ja weltweit für ihre Scherenschnitte berühmt ist, doch wir eröffnen im Hüsy eine Ausstellung eines «Fremden». Und ich, die ich Sie alleganz herzlich begrüssen darf, bin, das hört man sofort, auch nicht von hier. Es stellt sich vielleicht die Frage, ob es richtig ist, als Unterländer ins Traditionsgebiet «einzudringen». Denn im Saanenland, im Simmental und im Pays d’Enhaut wohnen heute über 20 Frauen und Männer, die die Scherenschnitt-Tradition des 19. und 20. Jahrhunderts lebendig erhalten. Die meisten üben ihre Kunst in der Art aus, wie sie vor ihnen schon Christian Schwizgebel, davor Louis Saugy und noch eine Generation vorher Johann Jakob Hauswirth geschnitten haben: Das heisst, sie zeigen die hiesige Bergwelt mit ihren Bräuchen, Menschen und Tieren: Traditionell und doch individuell, jede und jeder mit eigenen Stilelementen und Vorlieben für bestimmte Motive.

Der alpine Scherenschnitt fand aber schon vor bald hundert Jahren seinen Weg ins Unterland. 1919 wurden in Zürich und 1921 in Basel in den Gewerbemuseen Scherenschnitte von Johann Jakob Hauswirth gezeigt. Mit Folgen, wie die Geschichte von Julia Feiner zeigt. Die junge Kunstgewerblerin war von den Darstellungen derart fasziniert, dass sie sofort ihr Scherchen hervorholte, um ihren ersten Scherenschnitt zu schneiden. Die Schere weggelegt hat sie erst im hohen Alter, nachdem unter ihren Händen über 800 geschnittene Werke entstanden waren. Und damit wurde sie selber zu einem grossen Vorbild für die Unterländer.

So, wie der Oberländer Scherenschnitt seinen Weg in die übrige Schweiz fand, so findet er heute auch wieder zurück ins Ursprungsgebiet: Dank der Initiative von Hans-Jürgen Glatz, der sein Haus zu einem Scherenschnitthaus gemacht hat. Als Kenner, Sammler und Galerist pflegt er Kontakte sowohl zu den einheimischen Scherenschneidern als auch zu jenen aus dem Unterland. Und so kommt es, dass wir heute hier sind, und es ist mir eine grosse Freude und Ehre, hier einen der arriviertesten Scherenschneider der Schweiz vorstellen zu dürfen. Denn, was gibt es Schöneres, als die Blüten, die aus dem traditionellen Scherenschnitt erwachsen sind, zurück zu seinen Wurzeln zu tragen?

Zusammen mit seinen über 60 Werken bringt Bruno Weber auch seine Lebenswelt mit, sein persönliches Umfeld, denn den Anstoss zu seinen Bildern findet er oft in der Landschaft, in der er geboren wurde und noch heute lebt: im Gebiet des Boowalds, dem grössten Waldgebiet des Kantons Aargau. Auf seinen Streifzügen über Hügel, Bächen entlang, durch lichte Baumbestände und über Felder und Wiesen lässt er sich inspirieren. Bäume sind in den meisten seiner Schnitte zu finden, Blumen auch, Schafe, Hunde, Vögel auf dem Wasser und in der Luft.

Lassen Sie mich einen Vergleich machen zum einheimischen Scherenschnitt. Auch Hauswirth und alle seine Nachfolgerinnen und Nachfolger schneiden ihre Umwelt: Kühe, Bäume und Blumen, Sennen und Berge. Meist symmetrisch und als schwarze Silhouetten. Fast immer schematisch, zweidimensional und umrahmt oder durchsetzt von Symbolen der Volkskunst wie Herzen und Ranken.

Bruno Weber spielt mit dem Schwarz und Weiss und darin ist er ein einmaliger Meister. Einmal bildet das Stehengebliebene das Sujet, einmal das Weggeschnittene. So sind zum Beispiel die Blüten im Vordergrund weiss, dahinter ragen die Bäume schwarz in den Himmel. Oft setzt Bruno Weber eine Lichtquelle ins Zentrum, die Sonne oder eine Lampe. Und so wird aus dem Weiss Licht, aus dem Schwarz aber Schatten.

Und immer arbeitet er mit der dritten Dimension. Kaum ein Bild, in dem man nicht in die Weite sieht, über Schneelandschaften oder Teiche hinweg, zwischen Bäumen hindurch oder über ein Meer von Blumen. Und damit versteht er es, nicht einfach die Natur abzubilden, sondern eine vierte Dimension zu finden: die Symbolik, das Sinnbild für eine Welt hinter der sichtbaren. Diese offenbart sich aber oft erst beim zweiten oder dritten Hinsehen. Und erst, wenn wir nicht mit dem Verstand allein schauen, sondern die Bilder emotional auf uns wirken lassen.

Ein Beispiel. Auf dem Bild mit dem Titel «Sehnsucht» schaukelt ein Boot auf dem Wasser direkt vor der untergehenden Sonne. Im Boot zwei Menschen, am Ufer im Vordergrund ein Schafhirt, der die beiden beobachtet. Das Bild ist symmetrisch aufgebaut, was ihm Ruhe und Ausgewogenheit verleiht. Doch die Symmetrie ist an wenigen, aber wichtigen Stellen aufgehoben: im Boot, denn ein Mann steht, der andere sitzt. Und der Schäfer nimmt eine leicht schräge Haltung ein. So erhält das Bild Dynamik und unsere Fantasie wird angeregt. Wohin zieht es die beiden? Womöglich ins Unendliche, das durch das strahlende Licht angetönt ist? Möchte der Schäfer auch weg? Trügt die Idylle, will er sie verlassen?

Vielleicht empfinden Sie beim Betrachten dieses Bildes etwas ganz anderes. Umso besser, denn das würde zeigen, wie vielfältig die Interpretationsmöglichkeiten sind, wie unterschiedlich wir das Gleiche empfinden.

Ein Symbol ist eben nicht einfach ein Symbol, interpretiert wird es jeweils vom Betrachter. Ein Baum kann zwar ein Symbol für das Leben, das Aufblühen und Vergehen sein, Blumen mögen Lebensfreude versinnbildlichen, auffliegende Vögel können Freiheit bedeuten, ein Paar unter einem Regenschirm symbolisiert vielleicht Geborgenheit, rieselnder Schnee verrät Ruhe. Evoziert ein Gitter Freiheitsentzug oder Sicherheit?

Mit diesen und vielen weiteren Sinnbildern verschlüsselt Bruno Weber seine Botschaften, und diese sprechen letztlich von unseren wichtigsten Fragen: Woher kommen wir, wohin gehen wir? Wer sind wir?

Um diese Fragen geht es Bruno Weber immer. Deshalb beschäftigt er sich auch intensiv mit Märchen und psychologischer Literatur. Dass diese Lektüre in sein Schaffen einfliesst, versteht sich von selbst. Und dass ein vielseitig interessierter und stets fragender Mensch nicht beim Papierschnitt bleibt, um sich auszudrücken, ist ebenso verständlich. Und so verstehen wir, dass er weitere Ausdrucksmöglichkeiten sucht. Zwar bleibt er sich mit seinen Metallschnitten, die Sie sicher draussen entdeckt haben, und seinen geschnittenen Aquarellen treu. Doch findet er damit eine weitere bildnerische Sprache. Vor allem mit den spontanen, farbigen Aquarellen, die er mit dem Messer zu Papierschnitten verwandelt. Damit geht er ganz neue, eigene Wege. Doch geht es ihm nie einfach um die Technik, die er allerdings perfekt beherrscht, sondern um die Hinwendung zu geistigen Werten, um Harmonie und um Visionen.

 

Felicitas Oehler